König der "Fälscher"

Die Kunst des Jean de Sperati

Als König der "Fälscher" wurde Jean de Sperati weltberühmt. Dabei war er vielmehr ein genialer Künstler, dem es aber durchaus Spaß machte, renommierte Experten hinters Licht zu führen.

Jean de Sperati mit seiner markanten Spezialbrille

Geboren wird er als Giovanni Sperati am 14. Oktober 1884 in Pistoia nahe Florenz. Der älteste seiner drei Brüder ist Briefmarkenhändler, ein anderer ein erfolgreicher Fotograf. Ein Cousin betreibt eine Papiermühle, in der Giovanni während der Schulferien arbeitet.

Von diesen Verwandten erwirbt er bereits als Jugendlicher das Fachwissen, das ihn später zu einem Genie der Briefmarkenkunst macht. Im Alter von etwa 30 Jahren geht Sperati nach Frankreich und ändert seinen Vornamen "Giovanni" in das französische "Jean" – seinem Nachnamen setzt er ein "de" voran. Tagsüber Fabrikarbeiter, widmet er sich nachts der Arbeit an immer perfekteren philatelistischen Imitationen.

1930 richtet er sich dann in Aix-les-Bains zwischen Lyon und Genf ein eigenes Atelier ein: Tag für Tag arbeitet er nun 14 bis 16 Stunden wie besessen an Faksimiles unterschiedlichster Sammelgebiete.

Zwei Sperati-Imitate altdeutscher Briefmarken: oben Mecklenburg-Schwerin MiNr. 3, darunter Braunschweig MiNr. 2.

Die fertigen "Briefmarken" macht Sperati mit seiner Signatur als seine Imitationen kenntlich, gelegentlich mit Tinte, meist aber mit weichem Bleistift. Dass spätere Besitzer diese Signatur leicht mit einem Radiergummi entfernen können, betrachtet er nicht als sein Problem – denn er gibt ja nicht vor, die Marken seien echt. Jean de Sperati versteht sich als Künstler, der Unnachahmliches schafft, nicht etwa als Fälscher: Denn selbst seine Druckproben klassischer Briefmarken auf neuem Papier versieht er mit dem Stempel "Vervielfältigung verboten".

Herkömmliche philatelistische Nachahmer zeichneten damals das Motiv der Originalmarken ab und produzierten Druckstöcke, mit denen sie Imitationen fertigten. Da sich bei der Übertragung des Motivs schnell Fehler und Ungenauigkeiten einschlichen, ist eine Unterscheidung der Fälschungen von den Originalen für Experten relativ leicht möglich. Jean de Sperati geht einen anderen Weg: Häufig fotografiert er die jeweilige Originalmarke und fertigt dann auf dieser Basis einen Druckstock an, mit dem er im Flachdruckverfahren die Marke auf Papier reproduziert, das dem Original-Material möglichst ähnlich ist.

Eine Marke – zwei Gesichter: Links eine Sperati-Druckprobe der MiNr. 17 aus Hannover mit der Signatur des Meisters. Oben ein Sperati-Faksimile derselben Marke in gestempelter Version.

Seine herausragenden Kenntnisse sowohl der Foto- und Drucktechniken, der Papierqualitäten als auch der Farbchemie lassen täuschend echte Ergebnisse entstehen. Diese versieht er oft mit brillant nachgeahmten Stempelabdrücken. So entstehen vorzüglich nachgemachte Belege, die zu Speratis Vergnügen selbst namhafte Philatelie-Experten nicht als Imitate erkennen. Daher kommt es zu solch kuriosen Geschehnissen wie dem Vorfall von 1942: Eine postalische Warensendung Speratis wird vom französischen Zoll kontrolliert. Die Beamten finden eine Sammlung scheinbar kostbarer Briefmarken. Deren Wert ist offensichtlich viel zu niedrig angegeben. Es kommt zur Anklage: Während der Gerichtsverhandlung beteuert Sperati seine Unschuld und erklärt, dass diese Imitationen von ihm selbst hergestellt wurden. Dennoch attestiert der Prüfer Dr. Edmond Locard aus Lyon, eine philatelistische Kapazität, dass die Briefmarken "zweifellos echt" seien. Sperati wird verurteilt.

Imitate klassischer Briefmarken inklusive nachgemachter Stempel: Links ein Faksimile der MiNr. 9 aus Oldenburg, die Sperati mit einem Zweikreisstempel "entwertete". Rechts die Imitation der MiNr. 3 aus Braunschweig, versehen mit einem Halbkreisstempel.

Im Alter von 68 Jahren verkauft Sperati seine Druckwerkzeuge und -maschinen, sein Archiv, all seine Materialien und Faksimiles – kurz sein komplettes Atelierinventar an die British Philatelic Association (BPA). Zudem verpflichtet sich der Meister durch einen Vertrag, keine weiteren "Fälschungen" mehr anzufertigen. So will die BPA sicherstellen, dass Speratis Schaffen als "Fälscher" beendet ist. Wer tatsächlich eine Sperati-Marke sein Eigen nennt, kann sich freuen! Mittlerweile sind diese Faksimiles selbst zu begehrten Sammelobjekten geworden, die gelegentlich auf Briefmarken-Auktionen durchaus hohe Preise erzielen. Schließlich sind es Kunstwerke eines Genies – des Königs der "Fälscher".

Oben: Speratis Nachahmung (rechts) des berühmten Lübecker Fehldrucks (MiNr. 3F) ist von dem Original (links) beim direkten Vergleich zwar zu unterscheiden, dennoch nicht unmittelbar als Nachahmung zu erkennen. Denn Varianten in Farbe und Druckbild treten bei alten Briefmarkenausgaben häufig auf, wenn zum Beispiel für den Druck einer Auflage Farben nachgemischt wurden und das Mischungsverhältnis der einzelnen Farbanteile nicht genau gleich war.

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