Fälscher ohne Gesetz

Der geniale Francois Fournier

In der Regel arbeiten Fälscher im Verborgenen. Doch Francois Fournier, einer der größten Philatelie-Fälscher der Geschichte, machte keinen Hehl aus seinen Fertigkeiten. Im Gegenteil: Er brüstete sich mit seiner "Kunst", Briefmarken und Poststempel nachzuahmen. Niemand konnte ihm zu Lebzeiten das Handwerk legen und sein Vermächtnis ist bis heute Bestandteil der philatelistischen Welt. Das Geheimnis seines Erfolges: eine Lücke im Gesetz seiner Heimat Schweiz.

Francois Fournier wurde am 24. April 1846 in Croix de Rozon im schweizer Kanton Genf geboren. Über die ersten fünfzig Jahre seines Lebens ist nur wenig bekannt. Man weiß lediglich, dass er als junger Mann die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte und im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 Mitglied des französischen Militärs war.

Kurz vor der Jahrhundertwende, am 5. Dezember 1899, erhielt Fournier vom Staatsrat des Kantons Genf die Erlaubnis, ein Gewerbe zu betreiben. Es ist anzunehmen, dass er zuvor bereits einige Jahre lang ein Briefmarkengeschäft im französischen St. Julien hatte. Im Mai des Jahres 1903 erwarb er ein Briefmarkengeschäft, das zuvor Henry Mercier gehört und wenige Monate zuvor Konkurs angemeldet hatte. Fournier kaufte das gesamte Inventar, das auch Werkzeuge für die Reproduktion von Briefmarken umfasste.

Mercier hatte mit der Nachahmung von gestempelten Schweizer Marken sein Geld verdient. Laut Werbung handelte es sich bei seinem Geschäft um das "einzige Haus, welches … absolute Perfektion in der Reproduktion Schweizer Marken habe." Mit folgenden Worten machte er seinen Kunden die Ware schmackhaft: "Die Neudrucke sind einzeln auf Platten sorgfältig gedruckt, und zwar auf dem Papier aus der ursprünglichen Verwendungszeit, so dass sogar die Augen des größten Kenners und Experten getäuscht werden."

Das Handwerkszeug Francois Fourniers.

Nun waren die Werkzeuge, die zur Herstellung solcher Nachahmungen notwendig waren, im Besitz von Francois Fournier. Nur zwei Monate nach der Übernahme des Geschäfts von Mercier, im Juli 1903, holte er sich dann die offizielle Erlaubnis, solche Nachahmungen herzustellen. Diese bildete den Grundstein für den großen Erfolg, den ihm seine außergewöhnliche Tätigkeit in den verbleibenden 14 Jahren seines Lebens verschaffte.

Das eidgenössische Amt für geistiges Eigentum bewilligte Francois Fournier unter der Nummer 16062 eine Schutzmarke, die ihm ausdrücklich gestattete, Marken und Stempel nachzuahmen. Als Bezeichnung für diese Nachahmungen ließ er den Begriff "Facsimile" eintragen. So war seine Tätigkeit nun rechtmäßig registriert und offiziell abgesegnet - denn es gab kein Gesetz in der Schweiz, das eine solche Geschäftstätigkeit hätte untersagen können.

Fournier expandierte - er schaffte neue Maschinen und Werkzeuge an, mit deren Hilfe die Qualität der Nachahmungen gesteigert werden konnten. Zudem beschränkte er sich nicht mehr nur auf die eigene Produktion, sondern kaufte auch Ware von Fälschern ein. Andere Briefmarkenhändler wurden als Vertriebsagenten für ihn tätig. Inserate in der in- und ausländischen Fachpresse sorgten dafür, dass das Geschäft blühte. Einige Jahre nach der Übernahme des Geschäfts von Mercier wurde das Angebot um einen Reparaturservice für Briefmarken erweitert. Dort waren bis zu fünf Experten damit beschäftigt, beschädigte Marken in Exemplare erster Wahl zu verwandeln. Fournier garantierte, dass die Reparatur selbst mit der Lupe nicht erkennbar sei.

In den Jahren von 1910 bis 1913 publizierte Fournier gar eine eigene Zeitschrift mit dem Titel "Le Fac-Simile" und schuf somit eine einzigartige Werbeplattform für seine Produkte. Angeblich soll die Zahl der Abonnenten in Spitzenzeiten bei 25.000 Exemplaren gelegen haben - ein Beleg dafür, wie groß die Nachfrage für die Facsimiles war. Die Herstellung eines eigenen Mediums war jedoch auch notwendig geworden, da das Geschäft von Fournier zunehmend in Gerede gekommen war. Mehr und mehr Zeitschriften lehnten es ab, seine Inserate zu veröffentlichen. Denn es mehrten sich die Hinweise, dass der selbst ernannte "Kunstverleger" seine Reproduktionen vertrieb, ohne diese als Nachahmungen zu kennzeichnen.

Fourniers eigene Zeitschrift "Le Fac-Simile".

Fournier sah sich als Opfer und drohte seinen Kritikern an, sich "mit äußerster Energie zu wehren." Er war sich keiner Schuld bewusst und hatte gar die Frechheit zu behaupten, es hätte ja keinen Sinn, ein Facsimile entsprechend zu kennzeichnen, da ein solcher Hinweis ja leicht wieder zu entfernen sei. Diese Aussage illustriert nicht nur, dass Fournier jegliches Unrechtsbewusstsein fehlte, sondern auch, dass er sich der betrügerischen Absicht seiner Abnehmer durchaus bewusst war.

Fournier fälschte auch kursierende Postwertzeichen. Er war der Ansicht, dass es nach Schweizer Recht erlaubt sei, solche Marken herzustellen und zu verkaufen, soweit sie entwertet seien. Dieses Geschäftsgebaren führte jedoch dazu, dass diverse ausländische Postverwaltungen beim Weltpostverein Beschwerde einlegten. Denn der Schweizer Briefmarkenhändler fälschte auch Marken, die zwar in der Regel nicht mehr im Umlauf, aber noch kursgültig waren. 1909 leitete die Bundesanwaltschaft eine Strafuntersuchung ein, die jedoch schon bald wieder eingestellt wurde. Die Begründung: Auf der Basis der geltenden Gesetze sei kein Erfolg zu erzielen, und es sei nicht nachzuweisen, dass die Postverwaltungen durch den Vertrieb der Faksimiles tatsächlich geschädigt würden.

Weitere Versuche, Fournier vor den Kadi zu bringen, scheiterten ebenfalls kläglich. Erst fünfzehn Jahre nach seinem Tod verpflichteten sich alle Mitglieder des Weltpostvereins auf dem Weltpostkongress in Kairo, nationale gesetzliche Bestimmungen zum Schutz kursgültiger Postwertzeichen einzuführen.

Die Geschäfte von Francois Fournier basierten auf einem weit verzweigten internationalen Vertriebsnetz. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden die Möglichkeiten des grenzüberschreitenden Handels abrupt und stark beschnitten. Das Geschäft kam zum Erliegen. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme. Am 12. Juli 1917 starb Fournier. Er hinterließ eine 64 Seiten umfassende Verkaufsliste aus dem Jahr 1914 - seine letzte -, in der er sage und schreibe 3.671 Fälschungen anbot.

Die nachgemachten Briefmarken waren kaum von den Originalen zu unterscheiden.

Als Fournier starb, übernahm sein Angestellter Charles Hischberger das Geschäft. Doch er konnte den Erfolg seines Chefs nicht fortsetzen. Er verließ Genf im Jahr 1922. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich im Lager des Geschäfts unzählige Marken- und Stempelfälschungen. Es ist der Initiative des Genfer Briefmarkensammlervereins zu verdanken, dass dieser Lagerbestand - einige Quellen sprechen von 400 kg, andere von 16 Zentnern - in die richtigen Hände gelangte. Der Vorsitzende des Vereins, Emil Friedrich, übernahm den Gesamtbestand und ließ daraus von Studenten der Genfer Kunstgewerbeschule 480 Alben mit jeweils zweihundert Seiten fertigen. Sie enthielten alle von Fournier hergestellten bzw. vertriebenen Markenfälschungen sowie die Abdrucke der Stempel.

Vereine und Prüfer, namhafte Sammler und Philatelisten erwarben die Alben zu einem Preis von je 50 Franc. Für die Bibliothek des Genfer Vereins wurde ein fünfbändiges Album mit 677 Seiten hergestellt. Es enthält neben den Einzelexemplaren auch ganze Bogen und Blockstücke der Fälschungen. Viele Alben wurden aufgeteilt. Einige wenige Exemplare sind jedoch vollständig erhalten. Sie sind begehrte Sammlerstücke, die das Werk eines berühmt-berüchtigten Fälschers auf einmalige Weise dokumentieren.

Wir danken dem PhilCreativ-Verlag für die freundliche Unterstützung.

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