Die Auerochsen aus den Karpaten

Vor 150 Jahren - die ersten Marken in Moldau

Auf der Balkan-Halbinsel lebten die Menschen jahrhundertelang unter wechselnden politischen Verhältnissen und Einflüssen. Trotz dieser Wirren erschien in Rumänien 1858 unter dem Begriff "Ochsenköpfe" eine der bekanntesten Briefmarken-Serien der Welt. Kaum eine der frühen Marken- Ausgaben konnte im Laufe der Jahrzehnte so detailliert erforscht werden.

Im Fürstentum Moldau hatte der vor allem von den Großmächten Türkei und Österreich abhängige Fürst Grigore Ghica und vier private Postpächter zuletzt 1852 neue Konditionen für die vier bestehenden Postrouten ausgehandelt. 13 Postämter, darunter das zentrale Postbüro in Jassy, nahmen Briefe an. Diese wurden zweimal wöchentlich mit Postkutschen durchs Land transportiert. Es galt ein gewichtsabhängiger Einheitstarif für das gesamte Fürstentum. Jedes Postamt führte Franko-Handstempel. Am 30. Juni 1858 erließ Postdirektor Vasile Grigoru nach einer weitgehenden Verstaatlichung des Postwesens eine allgemeine Verordnung über den Briefverkehr. Darin wurde die Frankierung von Briefen mit Briefmarken angekündigt, die zum Preis von 27, 54, 81 und 108 Parale in Geschäften und Postämtern gekauft werden konnten. Nur für unfrankierte Briefe waren die Briefkästen bestimmt. Frankierte Briefe hatte man direkt bei den Postämtern und Expeditionen abzugeben, wo die Richtigkeit der Frankatur geprüft wurde. Bereits am 31. Juni 1858 gab das Finanzministerium beim Marken-Atelier in Jassy den Druck von 24.000 Briefmarken in Auftrag, 6.000 Stück zu 27 Parale, 10.000 zu 54 Parale, 2.000 zu 81 Parale und 6.000 zu 108 Parale. Zum nötigen Material, das die Druckerei kaufte, gehörten zirka zwei Oka (etwa 2,6 Kilogramm) Leinöl, Druckfarben Pariserblau und Indigo, zwei Blechkisten mit Schlössern zum Aufbewahren der Marken und nicht zuletzt Gummiarabicum. Von der Firma Georg Sigl in Wien stammten die Handdruckpressen, auf der bisher Steuermarken hergestellt worden waren. In Paris wurden Rohlinge für die vier Druckstempel der Marken nach dem Beispiel der dortigen Steuermarken besorgt.

Rumäniens MiNr. 1 als waagerechtes Pärchen, gestempelt mit zwei blauen Zweikreisstempeln.

Möglicherweise schon vor dem offiziellen Druckauftrag hatte das Briefmarken-Atelier mit der Anfertigung des Druckwerkzeuges begonnen. Als Vorbild dienten wohl alte Siegel der Moldau. In die Druckstöcke aus Eisen wurden per Hand der Kopf eines Auerochsen, ein Stern, die Schrift PORTO SCRISOREI in kyrillischen Buchstaben und die Wertziffer in einem Posthorn graviert. Sie werden heute bei der Post in Bukarest verwahrt. Eine genaue Betrachtung der abweichenden Gravuren belegt, dass der Stecher nicht nur einen Urstempel anfertigte, den er mit technischen Mitteln vervielfältigte, sondern vier Klischees herstellte. Weitere Abweichungen zwischen den einzelnen Marken entstanden beim Druck selbst. Mit der Handdruckpresse wurde der eingefärbte Stempel 32 Mal einzeln auf den Druckbogen gedrückt. Die schwer zu verreibende Farbe wurde äußerst unterschiedlich auf das Papier übertragen. Durch den Stempel-Abdruck ist daher praktisch jedes Stück ein Unikat.

Der Einschreibbrief um 1858 von Bakeu (Bacau) nach Jassy (Iasi) ist mit den ersten rumänischen Briefmarken, den so genannten "Ochsenköpfen" frankiert (MiNr. 1, 3 und 4). So heißen die Marken aufgrund des Motivs, einem Posthorn mit Ochsenkopf, der für den im aktuellen Wappen der Republik Moldau abgebildeten Auerochsenkopf steht.

Ausgeliefert wurden die 24.000 bestellten Briefmarken in zwei Tranchen am 11. und 21. Juli 1858. Als die zweite Teillieferung das Ministerium erreicht hatte, begann noch am gleichen Tag die Verwendung der Marken. Doch selbst im zentralen Jassy wurden in der ersten Woche nur 55 Briefmarken verkauft. Das früheste bekannte Stempeldatum ist der 29. Juli 1858. Andere Postämter erhielten ihre Marken erst später. In den 15 Postämtern wurden bis zum Ende der Frankaturgültigkeit der Marken, Ende Oktober/Mitte November 1858, gerade mal 11.756 Briefmarken verkauft, also weniger als die Hälfte. Besonders selten sind Einzelfrankaturen, von denen bislang insgesamt nur 80 Briefe registriert wurden, wie der Münchner Rumänien-Prüfer Fritz Heimbüchler nach jahrzehntelangen Forschungen herausfand. Als "Spitzenstück der rumänischen Philatelie" bezeichnet Heimbüchler einen Einschreibbrief vom 4. August 1858 aus Bakeu. Der dortige Postmeister hatte sich angewöhnt, die Marken nicht wie andernorts üblich eckig, sondern rund zu schneiden. Es ist der einzige vollständig erhaltene Brief mit einer 81-Parale-Marke. Das Stück kam über den berühmten Briefmarkenhändler Philipp Kosack 1901 in den Besitz des damaligen deutschen Reichspostmuseums und gehört heute der Museumsstiftung Post und Telekommunikation. Es überstand - anders als viele andere Raritäten - die Wirren des Zweiten Weltkrieges unbeschadet.

Rumänien MiNr. 5, 1858. Ungestempelte Freimarke von 5 Parale auf einer rumänischen Zeitung aus Jassy vom 12. November 1858. Mit dieser Marke beginnt die zweite "Ochsenkopf"-Serie. Innerhalb eines insgesamt neuen Porto-Tarifs wurde der Wert von 5 Parale als Zeitungsporto für Zeitungen mit gewöhnlichem Gewicht bestimmt. Für schwerere Druckschriften wurde die doppelte Gebühr, also 10 Parale, erhoben (alle Abbildungen: Museumsstiftung Post und Telekommunikation)

Der komplizierte Zonentarif und das nicht weniger hinderliche Rechnen mit den krummen Zahlen der ersten Ausgabe führte schon wenige Wochen nach deren Ausgabe zu Vorbereitungen einer Tarifreform, die am 1. November 1858 in Kraft trat: Ein Brief kostete danach nur noch 40, ein Einschreibbrief 80 Parale. Deshalb erschien am gleichen Tag eine zweite Markenausgabe des Fürstentums mit den neuen Portowerten. Für Zeitungen kam ein Wert von 5 Parale hinzu. Diese Marke auf einer Zeitung zählt zu den ganz großen Raritäten der europäischen Philatelie.

Kontakt:
Arbeitsgemeinschaft Rumänien
Fritz Heimbüchler
Bosettistraße 9
81247 München

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